Mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz muss man leben

von: Alexandar Weigert 8. April 2022

Ich sitze mit einer Freundin beim Café. Heute ist Montag, sie erzählt mir von ihrem Wochenende. Sie hat mit einem Typen geredet, im Klub, an der Bar. Als sie sich umdreht, um Getränke zu holen, stellt er sich hinter sie. Sein Kopf so nah neben ihrem, dass sie ihn atmen hört. Seine Brust gegen ihren Rücken gepresst, kann sie sich fast nicht bewegen. Er legt seine linke Hand auf ihren Hintern und drückt zu, zuerst ganz leicht, dann immer fester. Sie kann sich loseisen, dreht sich um und legt ihm eine auf. Der Türsteher wird auf die Situation aufmerksam und schmeißt ihn hinaus.

Sie erzählt die Geschichte auf die gleiche heroische Weise, in der wohl auch Achilles oder Napoleon über ihre Heldentaten gesprochen haben. „Das ist die Welt, in der wir leben“, meint sie. „Entweder kann man damit umgehen oder nicht“, meint sie. Ihr gehen die Frauen auf die Nerven, die nichts tun, wenn sie sexuell belästigt werden. „Wenn mich einer anfasst und ich das nicht will, dann hau ich dem eine und schrei ihn zamm“, sagt sie zu mir. Sexuelle Belästigungen sind so alltäglich, dass man abstumpfen oder verzweifeln muss. Man sollte von niemandem erwarten müssen, dass er oder sie sich gewaltsam gegen Übergriffe wehren muss. Man sollte sich erwarten, dass das gar nicht nötig wäre, sich erwarten, dass Menschen ob auf zwischenmenschlicher oder sexueller Ebene, würde- und respektvoll miteinander umgehen. Aber das ist nicht die Welt, in der wir leben.

„Mit der Zeit stumpft man ab“: sexuelle Belästigung als Alltagserfahrung.

„Das passiert ja nicht nur am Arbeitsplatz, es passiert überall“, erzählt Inge im Rahmen einer qualitativen Studie des AMS zum Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Die Autorinnen der Studie stellen fest, dass sexuelle Belästigung für die meisten jungen Frauen zum Alltag gehört, egal ob auf der Straße, in der Bahn, in Lokalen oder am Arbeitsplatz. Für Nina, eine der Betroffenen, ist „sexuelle Belästigung im Prinzip schon relativ normal.“ Bei vielen Situationen macht sie sich keine Gedanken mehr: „Wenn so etwas im Alltag viel passiert, dann wundert es einem im Arbeitsumfeld auch nicht mehr so.“

Nina arbeitet bei einer Promotionagentur. Auf einer Veranstaltung ist ihr der Chef der Marketingabteilung nicht mehr von der Seite gewichen: „(Er) hat mir eindeutige Angebote gemacht ‚gehen wir aufs Klo‘ und so. Und dann hat er mir noch seinen Freund, den DJ vorgestellt, da ist mir dann ein Dreier angeboten worden.“

Ursula arbeitet für einen staatsnahen Betrieb mit starkem Männerüberhang. Einmal hat sie bei einer betriebsinternen Abendveranstaltung hinter der Bar ausgeholfen. Ein ihr bis dahin nicht bekannter, betrunkener Arbeitskollege hat sie im Laufe des Abends gefragt, „ob sie ihm nicht einen blasen will.“ Sie hat dann gemeint, „dass das jetzt nicht so die gute Idee ist. Das hat ihm anscheinend nicht so getaugt. Da hat er sein Bier genommen und es mir drüber geschüttet.“

Das sind nur zwei Beispiele von vielen und es sind in der Studie selbst nicht einmal die verstörenden. Kerstin, eine Köchin in der Lehre, berichtet von den Übergriffen ihres Ausbildners, der sich auf eine Weise an allen jungen Hilfskräften vergeht, bei der es einem wirklich vergeht: „Dann bekamen wir noch eine Hilfskraft dazu und da ging es so richtig los. (…) Sie war zwei Monate bei uns und er hat ihr auf den Arsch gegriffen, zwischen die Beine, zieht ihr die Hose runter und lauter solche Sachen.“

Lilly, ein minderjähriges Mädchen, hat sich bei einem sozialen Dienstleistungsunternehmen beworben. Schon beim Bewerbungsgespräch fragt sie ihr Chef, wann sie 18 werde, ob sie einen Freund habe und ob sie noch Jungfrau sei. Später schickt er ihr Nachrichten auf Facebook und fragt sie, ob sie mit ihm schlafen will. Nach wenigen Monaten läuft er ihr nach der Arbeit hinterher und meint, dass sie sowieso bald 18 werde und er generell auf junge Mädchen steht. „Ich wusste wirklich nicht, was ich machen soll“, berichtet Lilly verzweifelt.

Sexuelle Belästigung trifft vor allem Frauen

Letztes Jahr, 2021, berichtet der Standard, dass mehr als jede zweite Frau schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt hat. Betroffene sind zu 96 Prozent weiblich, zu drei Prozent männlich und zu einem Prozent transgender. Interessanterweise geht aus einer EU-weiten Umfrage aus dem Jahr 2005 hervor, dass „nur“ zwei Prozent der Angestellten von sexueller Belästigung betroffen seien. Auch wenn die Wirtschaftskammer, die sich in einer Aussendung auf eben diese Statistik bezieht, von einer „wesentlich höheren“ Dunkelziffer ausgeht, liest sich jede Fünfzigste ist betroffen ganz anders als jede zweite. Die Sensibilität in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz gegenüber sexueller Belästigung ist aufgrund der jüngsten Skandale stark gestiegen. Durch #metoo, durch die Offenlegung der Verbrechen von Harvey Weinstein, Bill Cosby oder, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, Julian Reichelt.

Ich muss mich an dieser Stelle entschuldigen, auf ein Problem hinweisen und eine Lösung anbieten. So ein Satz, der konstatiert, dass die Sensibilität der Gesellschaft gegenüber einem Thema aufgrund aktueller Ereignisse stark gestiegen sei, sagt im Kern wirklich gar nichts aus. Solche Sätze kann man nur lesen, ihnen zustimmen und sie sofort vergessen. Sie fordern nichts, wollen nichts, können nichts. Sätze, die etwas können, sind schwer zu schreiben. Sie fordern Nuancen, Ambivalenz und Wahrhaftigkeit. Solche Sätze traut man sich fast nicht zu formulieren, aus der Angst heraus, missverstanden zu werden. Aber man muss doch zumindest versuchen zu beschreiben, was man nicht verändern kann.

Was bringt es zum myriadstenmal über allgemein anerkannte, unhinterfragte Dinge hinzuweisen? Sexuelle Belästigung sollte kein Thema zum abnicken, kein „ja eh, aber kann man nix machen“ Problem sein. In der Studie des AMS sprechen die Autorinnen von Prävention und Opferunterstützung, von Bewusstseinsbildung, von Gleichstellungsgremien, von Initiativen und der Formulierung eines Verhaltenskodex. Ich sage nicht, dass solche Dinge nicht wichtig, nicht absolut unabdingbar sind. Sie sind es. Leider. Was sie auch sind, sind Medikamente, die kaum heilen, aber die Symptome unterdrücken. Sexuelle Belästigung ist wie ein Feuer unter dem Dach (beinahe) jedes Unternehmens, an dem sich fast nur Frauen verbrennen. Um ein Feuer zu löschen, braucht man Wasser, aber um zu verhindern, dass es überhaupt brennt, muss man ihm den Sauerstoff entziehen.

Es ist mir wichtig, hier nicht und auf keine Weise missverstanden zu werden. Ich kritisiere mit keinem Wort die Einrichtungen und Initiativen, die es gibt, um sexueller Belästigung vorzubeugen, Opfer zu schützen, Täter zu strafen. Man muss die Probleme beheben, die es gibt mit den Mitteln, die man hat. Das kann aber nicht heißen, dass man nicht fragen kann, warum uns das Thema nicht und nicht loslassen will, es scheinbar auch nicht wirklich besser zu werden scheint, erhöhte Sensibilität hin oder her.

Männer sind Schweine?

In jedem Bereich strebt der Mensch Fortschritt an. Alles wird besser. Nur eines scheint nicht möglich zu sein: Eine nicht unbeträchtliche Zahl der Männer kann es nicht lassen, dumme Kommentare abzugeben, unangebrachte Nachrichten zu versenden, Dickpics in den Anhang zu geben, zu grapschen oder kurz: Frauen sexuell zu belästigen. (Laut der Wiener Zeitung wollen 82 Prozent der Männer, die ungefragt Dickpics versenden die Empfängerin damit sexuell erregen). In welcher Welt muss man leben? Und wenn wir gerade beim Thema sind: Wie oft hat jemand schon einer Frau hinterhergepfiffen- oder gerufen, woraufhin sie sich umgedreht, auf ihn zu- und mit ihm heimgegangen ist?

Die ganze Sache wird nicht unkomplizierter. Wie viele Männer belästigen eigentlich Frauen? Ist das wie im Internet, wo ein minimaler Prozentsatz der User für die absolute Mehrzahl der Hass-Postings verantwortlich ist? Ich weiß es nicht, finde keinen konklusiven Statistiken. Soll man jetzt diese Männer ausfindig machen und sie in Hunderte Therapiestunden und Seminare senden? Vielleicht würde das helfen, vielleicht würde es nichts ändern, weil sich niemand jemals wirklich ändern kann. Schaden würde es auf keinen Fall. Soll man jede: n einzelne: n in solche Seminare senden, wo die (wie ich hoffe und glaube) meisten wahrscheinlich das ungute, bevormundende Gefühl hätten, mit Volksschülern gemeinsam das 1×1 lernen zu müssen, irgendwie angeklagt zu sein, unter Generalverdacht zu stehen? Zwei meiner Freundinnen studieren den Gendermaster.

Wenn wir zu dritt zusammensitzen, reden sie oft über „die Männer“. Wenn ich dann sage, dass ich und die meisten, die ich kenne, nicht so sind, sagen sie, dass ich mich nicht angegriffen fühlen soll, dass das nicht auf mich bezogen sei, sondern nur auf die Männer, die sich so verhalten. Ist es verwunderlich, dass man sich als Mann angegriffen fühlt, wenn jemand unter dem Stempel „die Männer“ Negativbeispiele aufzählt. Anscheinend ist das „male guilt“ oder so, ich finde es einfach nur undifferenziert und beleidigend.

Kontext ist alles

Und dann kommt zu allem Überfluss noch dazu, wer was zu wem in welchem Kontext sagt. Wenn jemand etwas als sexuelle Belästigung auffasst, dann ist das so. Wenn nicht, dann nicht. Jeder und jede von uns kann mit gewissen Menschen unfassbar unangebrachte Witze reißen, die bei einer anderen Person tiefe Betroffenheit und Unbehagen auslösen würden. Ein Transkript einer Aussage, einer Bemerkung, sogar einer Berührung sagt gar nichts aus. Was zählt, sind: Wer? Was? Zu wem? In welchem Kontext? Die Welt ist weder schwarz noch weiß.

Wie sich dem Problem nun annähern, wie lösen? Am Arbeitsplatz und überall. An bewährten Mitteln, an Prävention und Supervision, an Bildung und Sensibilisierung festhalten? Noch mehr Wasser holen, um die ewigen Waldbrände zu löschen? Größere, bessere Flugzeuge, bis man die Weltformel gefunden hat?

Wie mit allem umgehen?

Was machen Sie in Ihrem Unternehmen, um gegen sexuelle Belästigung vorzugehen? Wie glauben Sie, dass wir mit dem darunter liegenden Problem umgehen sollen, was genau ist eigentlich das Problem? Glauben Sie, dass wir das Thema irgendwann ad acta legen können, oder dass es uns auf immer und ewig begleiten wird? Schreiben Sie es in die Kommentare, wir sind gespannt.

Quellen:

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